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(Auf dieser Seite lege ich Zeitungsartikel über Indonesien ab, die mir in die Hände fallen. Wer selbst was hat, kann sie mir mailen. Friedrich Heilmann, siehe Impressum)

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Spiegel online 13. 9. 2007
Neue schwere Erdbeben erschüttern Sumatra
Panik in Indonesien: Neue Erdbeben haben die Insel Sumatra erschüttert. Häuser stürzten ein, die Erdstöße der Stärke 7,8 waren bis nach Singapur zu spüren - dort schwankten Gebäude. Tsunamiwarnungen nahm die indonesische Regierung zurück. Berichte über mögliche Opfer gibt es bislang nicht.
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Jakarta/Washington - Die Erdbeben-Serie vor der indonesischen Insel Sumatra reißt nicht ab. Erst gestern waren mindestens sechs Menschen bei einem Beben gestorben, mindestens 38 weitere wurden verletzt - Stunden später erschütterten neue Stöße die Insel: Die Behörden gaben nach dem Erdstoß vorübergehend eine Tsunami-Warnung heraus, wie Meteorologen mitteilten. Nach Angaben der US-Erdbebenwarte hatte das Beben in zehn Kilometer Tiefe die Stärke 7,8. Es war bis ins benachbarte Singapur zu spüren. In der Küstenstadt Padang auf Sumatra stürzten zahlreiche Häuser ein, wie der örtliche Bürgermeister Fauzi Bahar dem Radiosender El Shinta sagte.
Aufräumarbeiten in der Stadt Padang: Mindestens sechs Menschen sollen bei dem Beben gestern ums Leben gekommen sein
Auf den Erdstoß folgte mindestens ein starkes Nachbeben der Stärke 6,8. Die indonesische Regierung hob eine vorsorglich herausgegebene Tsunamiwarnung nach rund einer Stunde wieder auf. Es war die vierte Warnung vor Riesenflutwellen innerhalb von 24 Stunden. Gestern hatte ein Seebeben der Stärke 8,4 vor der Küste Sumatras vorübergehend Erinnerungen an die Tsunami-Katastrophe vom Dezember 2004 wachgerufen.
Die Informationen aus der Erdbebenregion sind noch spärlich. Dafür seien unter anderem die Dunkelheit und Kommunikationsprobleme verantwortlich, hieß es. Präsident Susilo Bambang Yudhoyono forderte nach Angaben seines Sprechers die Entsendung von Einheiten der Streitkräfte und der Polizei mit Hilfsgütern wie Medizin und Nahrungsmitteln in das Erdbebengebiet an. Sie sollten bei Tagesanbruch aufbrechen. Ein Team der Vereinten Nationen soll nach Uno-Angaben von Banda Aceh im Norden von Sumatra aufbrechen, um sich ein Bild von den Schäden zu machen.
Erhebliche Schäden hatten die Beben vor allem in der indonesischen Provinz Bengkulu angerichtet. Etliche Häuser seien zerstört worden, sagte ein Sprecher der Geophysik-Behörde in Jakarta. Ein Polizist berichtete einem Radiosender, er habe ein dreistöckiges Haus einstürzen sehen. Überall seien Menschen in Panik auf die Straße gerannt und von der Küste in höher gelegene Regionen geflüchtet. Der Strom fiel aus, die Telefonnetze brachen zusammen. Die Provinz Bengkulu hat rund 1,4 Millionen Einwohner.
Wegen der starken Nachbeben kehrten viele Menschen auf Sumatra nach Angaben der Polizei vorerst nicht in ihre Häuser zurück. Auch Krankenhäuser wurden evakuiert und die Patienten in Zelten untergebracht. Ein Mann in Bengkulu berichtete: "Meine Frau spülte ab, und meine zwei Söhne nahmen gerade ein Bad." Dann sei das Dach eingestürzt, Trümmerteile hätten seine Frau am Kopf getroffen. "Sie ist tot." In Bengkulu waren im Jahr 2000 rund hundert Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 7,3 ums Leben gekommen.
Das erste Erdbeben hatte sich gestern am frühen Abend vor Sumatra ereignet, um 13.10 Uhr deutscher Zeit. Das Epizentrum lag nach Angaben der US-Geologiebehörde etwa 130 Kilometer südwestlich von Bengkulu in rund 30 Kilometer Tiefe. Der Erdstoß war hunderte Kilometer weit bis nach Singapur und Malaysia zu spüren. Die Erdstöße erschütterten auch die Provinz Banten in Westjava. In der 600 Kilometer entfernten Hauptstadt Jakarta schwankten Hochhäuser, Menschen liefen in Panik auf die Straßen. Auch in Singapur und Kuala Lumpur wurden einige Hochhäuser geräumt.
Vor der Westküste Sumatras hatte auch das Epizentrum des verheerenden Bebens Weihnachten 2004 gelegen, das den Tsunami mit mehr als 230.000 Opfern auslöste. Das Beben hatte die Stärke 9,0. Weil sich die Beben ähnelten, schätzte das Geoforschungszentrum Potsdam die Wahrscheinlichkeit einer Flutwelle gestern zunächst als "sehr hoch" ein.
anr/dpa/AP/AFP

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2.7.07, taz
Die soziale Zeitbombe tickt
In Indonesien stürzte Diktator Suharto auch wegen der Asienkrise. Doch die Demokratie ist umstritten. Denn die neue Ordnung hat bisher nur den alten Eliten geholfen

BERLIN taz Wie ein "Who is who" der alten Freunde des ehemaligen Militärmachthabers Suharto liest sie sich - die aktuelle Forbes-Liste der reichsten Indonesier. Während es Holzbaronen und Firmenbesitzern, die ihren Gläubigern seit der Asienkrise noch immer Millionen schulden, offenbar gut geht, stürzten weite Teile der Gesellschaft die soziale Leiter tief hinab. Trotz eines Wirtschaftswachstums von fünf bis sechs Prozent und eines vollmundig angekündigten Armutsbekämpfungsprogramms der Regierung lebt etwa die Hälfte der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag.

Vor allem Jugendliche, häufig Schulabbrecher, sind es, die sich mit Gelegenheitsjobs im informellen Sektor mühsam über Wasser halten. "Hier tickt eine soziale Zeitbombe", sagt Erwin Schweisshelm, Leiter des Indonesien-Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, zur taz. Immer mehr Menschen fragten sich inzwischen, was die Demokratie ihnen gebracht habe. Über die Hälfte der Jugendlichen wollen bei den nächsten Wahlen 2009 keine der etablierten Parteien wählen.

Denn auch in der Politik ziehen in Indonesien, das zu den korruptesten Ländern der Welt gehört, die alten Eliten weiter die Fäden. Von einer unlängst erfolgten Kabinettsumbildung profitierte vor allem die ehemalige Suharto-Partei, Golkar. Deren Chef, Vizepräsident Jusuf Kalla, der einer der reichsten Familien des Landes entstammt, wird nicht müde zu betonen, dass Demokratie im westlichen Stil nur für Unruhe sorge - was Gift für die Wirtschaft sei. Sein Parteikollege Surya Paloh, Großunternehmer und Medienmogul, machte jüngst von sich reden, als er Demokratie nicht als Ziel, sondern als Mittel zum Zweck der Wohlstandsvermehrung beschrieb. "Gibt es keinen Wohlstand, nützt die Demokratie nichts", so Paloh. Der neue Diskurs erinnert fatal an die alte Rhetorik von der Effizienz der Entwicklungsdiktatur und von den "asiatischen Werten", die unvereinbar seien mit dem westlichen Demokratiemodell. Sie hatte jahrzehntelang zum Standardrepertoire von Südostasiens autoritären Herrschern wie Suharto oder Singapurs Expremier Lee Kuan Yew gehört. "Wenn Demokratie darauf reduziert wird, dass sie für Wohlstand zu sorgen habe", warnte denn auch der bekannte indonesische Intellektuelle Ignas Kleden, "wird man bei dessen Ausbleiben schnell versucht sein, wieder autoritäre Wege zu gehen".
ANETT KELLER

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RP-online am 6.3.2007
Schweres Erdbeben erschüttert Sumatra, 26 Tote

Jakarta (RPO). Die indonesische Insel Sumatra ist am Dienstag von einem heftigen Erdbeben der Stärke 6,3 erschüttert worden. Zahlreiche Gebäude wurden beschädigt, zeitweise fiel der Strom aus. Jüngsten Berichten zufolge kamen 26 Menschen ums Leben.
Das Zentrum des Bebens, dessen Stärke US-Geologen mit 6,3 angaben, lag rund 50 Kilometer von Padang entfernt an der Westküste Sumatras in 33 Kilometer Tiefe. Besonders schwer betroffen war die Stadt Solong. Dort stürzte ein zweistöckiges Haus auf einen Spielplatz und tötete zwei Kinder und einen Lehrer.
Bürgermeister Samsu Rahim sagte dem Radiosender El Shinta, drei Menschen seien verbrannt, als ihre eingestürztes Haus in Flammen aufgegangen sei. In den Krankenhäusern meldeten sich zahllose Menschen mit Knochenbrüchen und Schnittwunden.
Augenzeugen sagten Reportern, ein Krankenhaus sei evakuiert worden. Ein Einwohner Padangs, Rahma Nurjana, berichtete, in seinem Haus sei alles heruntergefallen. "Das Haus meines Nachbars stürzte ein."
Die Erdstöße waren noch in Malaysia und im mehr als 400 Kilometer entfernten Singapur zu spüren, wo nach Medienberichten einige ältere Bürogebäude geräumt wurden. Das Tsunami-Warnzentrum für den Pazifik in Hawaii erklärte, da sich das Beben auf Land ereignet habe, werde keine Tsunami-Warnung ausgegeben. Indonesien liegt in einer seismologisch äußerst aktiven Region, dem so genannten Ring aus Feuer.

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Watch Indonesia! e.V (17.01.2007, 13:07 Uhr)
Verkauften Nestlé und Tchibo illegal angebauten Kaffee?

Umweltschützern zufolge haben Tchibo, Nestlé und Starbucks illegal angebauten Kaffee aus einem indonesischen Naturschutzgebiet verkauft.
Für den Anbau sollen Gebiete in einem Nationalpark gerodet worden sein.

Jakarta/Hamburg - Die Bohnen stammten aus einem Nationalpark, in dem seltene Tiger, Flusspferde und Elefanten zu Hause sind, wie der Umweltverband World Wide Fund for Nature (WWF) in Jakarta mitteilte. Auch der Kraft-Konzern, zu dem die Marken Jacobs und Kaffee Hag gehören, habe den Kaffee bezogen. Die Bohnen aus dem Naturschutzgebiet wurden laut WWF von örtlichen Händlern mit der legalen Ernte vermischt und dann verkauft. Tchibo wies die Vorwürfe zurück. Andere Unternehmen signalisierten, sie wollten ihre Lieferanten künftig besser kontrollieren.

17 Prozent der Fläche gerodet

Der Nationalpark Bukit Barisan Selatan liegt am südlichsten Zipfel der westindonesischen Insel Sumatra. In dem Schutzgebiet lebten noch rund vierzig Sumatra-Tiger, von denen es in freier Wildbahn weniger als 400 gebe, erklärte der WWF in Jakarta. Auch 500 bedrohte Elefanten und eine besonders gefährdete Flusspferd-Art seien dort zu Hause. Trotz seltener Flora und Fauna und des Status' als Weltkulturerbe sei eine Fläche von 17 Prozent gerodet worden, um dort illegal Kaffee anzubauen. Sollte der gegenwärtige Trend anhalten, könne binnen zehn Jahren bereits mehr als ein Drittel der Nationalpark-Fläche gerodet sein. "Das wird große Auswirkungen auf die bedrohten Arten haben", teilte der WWF weiter mit.

Örtliche Kaffeehändler verkauften die Kaffeebohnen an internationale Unternehmen. Die Lieferungen gingen über den nahe dem Nationalpark gelegenen Hafen Lampung, von dem aus die Hälfte aller indonesischen Kaffee-Exporte das Land verlässt. In den Jahren 2003 und 2004 seien Lieferungen an zahlreiche westliche Kaffee-Unternehmen gegangen, etwa an Kraft Foods und Nestlé sowie an Tchibo oder den italienischen Lavazza-Konzern. Weitere deutsche Firmen wie Folgers oder die Neumann Kaffee Gruppe seien unter den Abnehmern gewesen. Den Unternehmen sei wohl meist nicht bewusst gewesen, woher der Kaffee stamme. Weder Export- noch Importfirmen hätten ausreichende Kontrollen. "Wir fordern die Firmen auf, zuerst einmal das Problem anzuerkennen", sagte Nazir Foead, ein Vertreter des WWF Indonesien.

Tchibo bestreitet Einfuhr aus Indonesien

Der weltweit größte Lebensmittelkonzern Nestlé teilte mit, er werde seinen Lieferanten künftig besser kontrollieren und zudem die Bauern anweisen, "höherwertigen Kaffee herzustellen". Die Nummer zwei Kraft Foods sowie Lavazza teilten mit, sie hätten eben erst begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ein Tchibo-Sprecher teilte mit, das Unternehmen habe seit über zehn Jahren keinen Kaffee mehr aus Indonesien bezogen. Grundsätzlich kontrolliere die Firma seine Lieferanten aber genau, um keinen illegalen Kaffee einzukaufen.

Zu Nestlé gehören unter anderem die Kaffee-Marken Nescafé, Nespresso und Caro. Zu Kraft Foods gehören die Marken Jacobs und Kaffee Hag sowie Onko und Tassimo. Indonesien ist weltweit der viertgrößte Kaffee-Exporteur und der zweitgrößte Hersteller von so genanntem Robusta, der vor allem für Instant-Kaffee verwendet wird. (tso/AFP)

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18. Dezember 2006, N24.de, nz
Tote und Verletzte bei Erdbeben in Indonesien

Auf der indonesischen Insel Sumatra hat ein starkes Erdbeben am frühen Montagmorgen mindestens sieben Menschen getötet und Dutzende verletzt. Das Beben der Stärke 5,5 war im Norden und Westen der Insel zu spüren. Vielerorts stürzten Menschen in Panik auf die Straße.Das Beben ereignete sich kurz vor Tagesanbruch. Bei den Toten handelte es sich um Bewohner eines Dorfes im Norden der Insel, deren Häuser einstürzten. Unter den Toten sind auch zwei Kinder. Weitere 100 Menschen sollen verletzt worden sein, wie Dorfbewohner lokalen Rundfunksendern berichteten.
Kurz vor dem Beben hatte es einen Erdstoß der Stärke 5,8 vor der Küste gegeben. Eine Tsunami-Warnung wurde nicht erlassen. Indonesien wird häufig von Erdbeben heimgesucht. Ein Erdbeben der Stärke 9 hatte vor der Küste Sumatras 2004 die Tsunami-Katastrophe ausgelöst, die allein in der Provinz Aceh mehr als 131.000 Menschen das Leben kostete und eine halbe Million weitere obdachlos machte.

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taz 9./10.12.2006 von Anett Keller
Geschichte bleibt tabu
Indonesiens Verfassungsgericht kippt die Wahrheitskommission.
Menschenrechtler hatten gegen Teile des betreffenden Gesetzes geklagt

Indonesiens Verfassungsgericht hat das Gesetz gekippt, das eine Wahrheits- und Versöhnungskommission .für das Land einrichtet. Die führenden indonesischen Menschenrechtsorganisationen waren vor das Gericht gezogen, weil sie einzelne Paragraphen des 2004 vom Parlament verabschiedeten Gesetzes als verfassungswidrig ansahen. Nun haben die Richter entschieden, dass ein Paragraph tatsächlich gegen die Verfassung verstößt und gleich das komplette Gesetz für nichtig erklärt. Mit so viel Urteilskraft hatten die Menschenrechtlerwohl nicht gerechnet.
Für eine Wahrheitskommission gäbe es in Indonesien genug zu tun. Jahrzehntelang hatte General Suharto, 1965 durch einen Putsch an die Macht gekommen, das Inselreich mit eiserner Faust regiert. Nach dem Putsch kam es zu Massakern an vermeintlichen Kommunisten, bei denen mindestens eine halbe Million Menschen umkamen. Ehemaligen Mitgliedern der KP wurde das Wahlrecht und eine Tätigkeit in öffentlichen Ämtern verwehrt. Bis heute ist diese dunkle Epoche der indonesischen Geschichte kaum aufgearbeitet. Auch die Opfer der blutigen Besetzung Osttimors durch indonesisches Militär 1975-99 oder des brutalen Vorgehens der staatlichen Ordnungskräfte gegen protestierende Studenten im Mai 1998, kurz vor Suhartos Sturz, warten bis heute vergeblich auf die Bestrafung der Täter.
Deshalb war der Schritt, ein Gesetz für eine Wahrheitskommission auf den Weg zu bringen, zunächst von der Zivilgesellschaft begrüßt worden. Doch bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass nicht Gerechtigkeit für die Opfer die treibende Kraft der Gesetzgeber war. Besonders in der Kritik stand der so genannte Schlussstrichparagraph. Demnach wäre jeder Fall, mit dem sich die Kommission einmal beschäftigt hat, endgültig erledigt und hätte nicht mehr zum Gegenstand einer Klage vor Gericht werden können. Ein weiterer Paragraph sah eine Entschädigung für die Opfer nur in Kombination mit einer Amnestie für die Täter vor. Dieser Artikel war es auch, den die Verfassungsrichter schließlich monierten.
Die indonesischen Menschenrechtler fühlen sich nun in ihrer Skepsis bestätigt. „Die Entscheidung des Gerichtes beweist, dass Regierung und Parlament kein starkes Interesse an der Aufarbeitung schwerer Menschenrechtsverletzungen haben", heißt es in einer Erklärung der Organisationen, die vor dem Verfassungsgericht geklagt hatten. „Das Gesetz war für die Täter geschrieben. darauf kann man keine Vergangenheitsbewältigung aufbauen", urteilt auch Petra Stockmann. Rechtsexpertin der Menschenrechtsorganisation „Watch Indonesia!" Einig sind sich die Menschenrechtler in der Ablehnung der umstrittenen Paragraphen. Gleichzeitig sind der Zufriedenheit über das Urteil Grenzen gesetzt. Denn nun muss der gesamte Gesetzgebungsprozess wieder von vorn beginnen. Ob und wann Indonesien zu einer Wahrheits- und Versöhnungskommission kommen wird, ist wieder völlig offen.

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Deutsche Welle, 25.11.2006 von Ranty Islam
Countdown für eine historische Wahl
Nach drei Jahrzehnten Krieg wählen die Menschen in Indonesiens Aceh-Provinz erstmals ihren eigenen Gouverneur. Der Wahlkampf hat begonnen. Wer das Rennen machen wird, ist ungewiss.

Der Tsunami im Indischen Ozean, der am zweiten Weihnachtstag 2004 an den Küsten der angrenzenden Länder über 200.000 Menschen das Leben kostete, hat in der am schlimmsten betroffenen Region eine erstaunliche Entwicklung befördert. Fast zwei Jahre nach der Katastrophe wählen die Menschen in Indonesiens Aceh-Provinz am 11. Dezember zum ersten Mal demokratisch ihren Gouverneur und seinen Vertreter. Am Freitag (24.11.2006) haben die Kandidaten offiziell ihren Wahlkampf begonnen. Bürgermeister und Lokalverwaltungen werden darüber hinaus in 19 Distrikten gewählt.

Die geplanten Wahlen sind Teil des Friedensvertrages, den die Zentralregierung in Jakarta mit der Bewegung für ein Freies Aceh (GAM) Mitte August 2005 in Helsinki vereinbarte. Seit 1976 hatte die GAM im Norden der Insel Sumatra für einen unabhängigen Staat gekämpft. In knapp 30 Jahren wurden dort 15.000 Menschen getötet. Doch der Tsunami nahm an einem einzigen Tag mehr als zehn Mal so vielen Menschen in der Region das Leben.

Die Regierung einigte sich im folgenden Jahr mit den Rebellen darauf, Wahlen mit von Jakarta unabhängigen Kandidaten zuzulassen - der Gouverneur und sein Vertreter waren bislang immer von der Zentralregierung eingesetzt worden. Im Gegenzug erklärte sich die GAM bereit, die Waffen niederzulegen und die Forderung nach einem unabhängigen Staat fallen zu lassen.

Ehemalige Separatisten "geraten ins Hintertreffen"

Für die beiden wichtigsten Posten im Gouverneurs-Rennen treten acht Kandidatenpaare an. Fünf von ihnen gehen jeweils für eine Partei ins Rennen, drei starten als Unabhängige. Auch dies ist eine Premiere. Bislang mussten bei Wahlen in Indonesien Kandidaten immer mit einer Partei verbunden sein. Neben ehemaligen Rebellen findet sich unter den Bündnissen auch eines, das von einem ehemaligen General geführt wird, der einst die Truppen Jakartas in Aceh kommandierte. Wer am Ende als Sieger hervorgeht, scheint ungewiss. Nach Umfragen lokaler Medien ist mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen des Jakarta-nahen Bündnisses mit zwei anderen Duos zu rechnen, von denen nur eines einen GAM-Kandidaten für den Posten des Vize-Gouverneurs aufbietet.

Das eine Bündnis, in dem die GAM beide Kandidaten stellt, scheine jedoch ins Hintertreffen zu geraten, sagt Sidney Jones, Südost-Asien-Direktorin für die International Crisis Group (ICG) in Jakarta. "Die GAM hat sich in zwei große Gruppen gespalten, die beide mit entsprechend weniger Stimmen rechnen müssen", sagt sie. Selbst auf der Distrikt-Ebene würden der GAM lediglich in drei von 19 Wahlkreisen Chancen auf einen Sieg eingeräumt.

Aceh kein Vorbild für andere Provinzen

"Unterstützung für Jakarta-nahe Kandidaten könnte möglicherweise besonders von Frauen kommen", sagt Peter Carey, Indonesienexperte am Zentrum für Asienstudien der Oxford University. Aceh hat in erheblichem Ausmaß islamisches Recht ("Scharia") eingeführt, mit entsprechend größeren Restriktionen für Frauen. Im Rest von Indonesien sei dies besonders aus verfassungsrechtlichen Gründen kaum möglich. Sidney Jones widerspricht dem - die Rolle des Scharia-Rechts sei bislang von keiner Partei thematisiert worden, eine damit begründete Präferenz für die Wahl hätten Frauen deshalb nicht.

Ob die Entwicklung in Aceh als Vorbild für andere Regionen Indonesiens dienen könnte, die ebenfalls auf mehr Autonomie oder Unabhängigkeit hoffen, ist fraglich. "Aceh ist die letzte Provinz des Landes, in der nun eigene Wahlen stattfinden", sagt Jones. In dieser Hinsicht könne Aceh somit kein Beispiel mehr liefern. Darüber hinaus ist der Provinz aber eine relativ weitgehende Autonomie zugestanden worden. Aceh hat eine eigene Flagge und Hymne, darf eigene Steuern erheben, direkte Luft- und Seeverbindungen mit anderen Ländern unterhalten, den größten Teil der Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung behalten und unabhängig von Jakarta Kredite im Ausland aufnehmen.

Das repressive Vorgehen des Militärs unter dem Regime General Suhartos in Indonesien hatte dazu beigetragen, das Land auf internationaler Ebene ins Abseits zu schieben. Mit ihren weitreichenden Zugeständnissen wollte die neue demokratisch gewählte Regierung in Jakarta offenbar auch international Punkte sammeln, sagt Peter Carey. "In Aceh wäre es für jedes Regime in Jakarta schwierig, die Uhr zurückzudrehen und die einmal gemachten Zusagen zurückzunehmen. Doch die Regierung wird sich hüten, von sich aus den anderen Regionen ähnliche Zugeständnisse zu machen", so Carey.

Unruhen nach dem Wahltag?

Auch aus einem anderen Grund werden alle Beteiligten wohl noch ein paar Jahre abwarten, bevor in anderen Regionen über Autonomie nach Aceh-Vorbild geredet wird. Nach dem im vergangenen August getroffenen Einkommen wird die Provinz erst 2009 eigene Gesetze ohne Zustimmung aus Jakarta verabschieden dürfen. "Bis dahin sollte man die Wahl und die Arbeit der neuen Provinzregierung eher als demokratischen Testlauf betrachten", sagt Jones.

Die Kandidaten für die Wahl am 11. Dezember haben eine gemeinsame Vereinbarung unterschrieben, in der sie sich verpflichten, auf jegliche Art von Gewalt oder Einschüchterung zu verzichten. Am Donnerstag wurde zwar der Bus eines Kandidaten bei seiner Fahrt mit Steinen beworfen. Tatsächlich wird bislang jedoch kaum über größere Unruhen berichtet. Das könnte sich nach der Wahl ändern, meint Sidney Jones. Wenn es nicht für die Mehrheit reicht, muss ein Bündnis zumindest mehr als 25 Prozent der Stimmen verbuchen, um in eine eventuelle Stichwahl zu gelangen. "Parteien, die knapp an dieser Marke scheitern, würden ihr Ergebnis nicht so ohne weiteres hinnehmen", so Jones. Vielleicht denkt sich dies auch die Wahlkommission: Sie hat die Wahlbeobachter, darunter die Europäische Union, gebeten, noch mehr Personal bereitzustellen.

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11.10.2006, Berliner Zeitung, von Willi Germund
Die Erde kocht über
Aus einem Bohrloch auf Java fließt eine Schlammflut - Dorf um Dorf versinkt. Möglich, dass es jahrelang so weitergeht

BANGKOK. Der schmale 53-jährige Khaerul Ulum glaubt, die Wurzel des Übels zu kennen. "1 000 Geister sind im Schlamm gefangen - die Geister sind zornig", sagt der Schamane, während er im Licht des Mondes mit beschwörenden Gesten dem unaufhörlichen Fluss von täglich 130 000 Kubikmeter Schlamm entgegentritt, der seit Ende Mai aus einem Bohrloch in der Nähe der indonesischen Stadt Surabaya aus dem Erdboden zischt. Aber auch Ulum scheitert bei dem Versuch, die 100 Meter hohe Fontäne einzudämmen, die ununterbrochen eine nach faulen Eiern stinkende Masse aus dem Erdinneren hinaussprüht.
Tausende Menschen haben sich der apokalyptischen Flut mit der Schaufel entgegengeworfen, hastig aufgeschippte Erddeiche sollen die Dörfer vor dem Unheil bewahren. 17 Kilometer lang sind die Dämme inzwischen, mit denen Regierung und Anwohner versuchen, den Schlamm aufzuhalten. Immer wieder bricht ein Damm, weil der Druck zu gewaltig wird.

Heißwasser-Schicht angestochen
Alle scheiterten bisher am Versuch, das Loch in der Erde zu stopfen. Täglich schwillt der Schlammfluss zu neuen Rekorden, seit die indonesische Firma Lapindo in mehr als 2 000 Metern Tiefe am 29. Mai dieses Jahres versehentlich ein unterirdisches Reservoir von siedend heißem Wasser anstach. Die Gegend ist voller Vulkane, häufig gibt es Erdbeben, der Untergrund ist heikel, das hat die Firma offenbar nicht genügend bedacht und diesen Monster-Geysir erzeugt: Mit unbändiger Gewalt zischt das Wasser nach oben, dringt dabei durch eine unterirdische Lehmschicht, löst diese auf und befördert sie mit Hochdruck nach oben.
400 Hektar fruchtbarer Ackerboden verschwanden bisher rund um den Flecken Sidoarjo, rund 40 Kilometer außerhalb von Indonesiens zweitgrößter Stadt Surabaya, unter einer bis zu sieben Meter dicken grau-schwarzen Schicht. Von vier Dörfern sind nur noch die Dächer zu sehen, 10 000 Menschen mussten sie verlassen und campieren jetzt auf einer nahen Autobahn. 20 Fabriken wurden zerstört, 1 800 Menschen arbeitslos. Sollte jetzt noch Regen einsetzen, würden noch mehr Menschen ihre Existenz verlieren. Zwölf weitere Dörfer sind unmittelbar bedroht.
"Es ist schwer zu sagen, wann der Überdruck genügend nachlassen wird", sagte Adriano Mazzini, nachdem er den Ort der Katastrophe mit seinem Geologenteam von der norwegischen Universität Oslo besuchte, "es kann morgen sein, es kann in zehn Jahren passieren oder auch erst in 100 Jahren." Erst dann kann man sich richtig an die Arbeit machen. Der Wissenschaftler ist jedenfalls sicher: "Es ist nahezu unmöglich, das Loch permanent zu schließen."
Die Umweltorganisation Greenpeace schaffte vor einigen Tagen 700 Kilogramm des schwefelig stinkenden Schlammes, der Spuren giftiger Chemikalien enthält, in die Hauptstadt Jakarta und kippte die Ladung vor dem "Ministerium für soziale Wohlfahrt" auf den Bürgersteig. Der Grund: Die Familie des Ministers Abirizal Bakrie, einem der wohlhabendsten Männer des Landes, besitzt einen Großteil der Aktien an dem Unternehmen Lapindo, das die Katastrophe auslöste.
Ein tonnenschwerer Bohrkopf hatte sich während der Suche nach Erdgas und Öl festgefahren. Beim Versuch, den Bohrkopf zu befreien, schoss plötzlich die Mischung von siedend heißem Wasser und Lehm aus der Tiefe. Das Unternehmen allerdings versucht, die Schuld von sich zu weisen: Nicht die Bohrung, sondern seismische Aktivitäten hätten die Katastrophe ausgelöst.
Mittlerweile fürchten Experten eine weitere Folge: Der Erdboden über dem sich entleerenden unterirdischen Reservoir gibt langsam nach und droht abzusinken. "Das könnte eine Katastrophe geben", warnt der Geologe Mazzini.
Nach Wochen des Zögerns griff schließlich die Regierung ein. Sie erklärte die verschlammten 400 Hektar in der Umgebung des Bohrlochs für unbewohnbar und will die Bewohner der Region umsiedeln.
Die Pampe ins Meer leiten?
Doch das löst ein Problem nicht. Die Behörden und Fachleute rätseln, wohin sie die Schlammmassen ableiten könnten. In der vergangenen Woche beschloss die Regierung in Jakarta, ihn so wie er aus der Erde kommt in einen Fluss zu lenken. Von dort soll der Schlamm Richtung Meer fließen. Über die möglichen Umweltschäden sind sich die Behörden im Klaren. Doch sie wissen keinen anderen Ausweg. Und sie werden von den bedrängten Bewohnern der Region ermutigt: Nachdem lokale Umweltgruppen vor der Gefährdung der Flora und Fauna im entsprechenden Seegebiet gewarnt hatten, hingen bald Transparente von den Bäumen: " Rettet die Menschen, nicht die Fische", stand da. Wer an der Küste vom Fisch lebt, sieht das allerdings anders.
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Umwelt in Not - auch Waldbrände plagen die Region
Indonesien hat derzeit nicht nur mit der gewaltigen Schlammflut zu kämpfen. Teile des Land liegen, wie auch Malaysia und Singapur, unter beißendem Rauch.
Die Ursache sind Brände, die während der Trockenzeit alljährlich von Bauern oder landwirtschaftlichen Unternehmen illegal gelegt werden, um auf billige Weise Land für Plantagen zu roden, zumeist für Palmöl. Die meisten Feuer wüten auf Torfboden, schwelen oft unterhalb der Erdoberfläche und sind daher schwer zu bekämpfen.
Erst der Monsunregen, der im nächsten Monat einsetzen dürfte, könne die Flammen löschen, hieß es. Auch wenn der Wind dreht und sich zeitweise der Nebel lichtet - die Behörden warnen vor immer neuen Rauchschwaden.
Rauch verdunkelte den Himmel so, dass Flüge ausfielen, Autofahrer tagsüber mit Licht fahren mussten. In einigen Regionen schlossen die Schulen. Krankenhäuser in Singapur behandelten tausende Patienten mit Atembeschwerden, Apotheken verkaufen kistenweise Gesichtsmasken.
Der wirtschaftliche Schaden ist erheblich: 1997 und 1998 entstand der Region bei einer ähnlichen Krise ein wirtschaftlicher Schaden in Höhe von 9,3 Milliarden Dollar (7,3 Milliarden Euro).
Malaysia setzt sich angesichts der dramatischen Luftverschmutzung für einen länderübergreifenden Krisenstab ein. Indonesien müsse ein entsprechendes Abkommen der Asean-Staaten unterzeichnen.

Jüngste Satellitenaufnahmen im Internet unter:
http://earthobservatory.nasa.gov/Newsroom/NewImages/images.php3?img_id=17423

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5.10.2006, Tagesspiegel - Von Moritz Kleine-Brockhoff, Jakarta
In Gottes Namen
Spionierende Sittenwächter, religiöse Gerichte, Prügelstrafe - das gestern noch moderate Indonesien auf dem Weg zum Islamstaat

Jakarta, ITC-Einkaufszentrum, Carrefour-Supermarkt. Wo sonst Wein und Wodka im Regal stand, liegen jetzt Plastik-Fußbälle. Hochprozentiger Alkohol ist aus dem Sortiment genommen.
Vorort Tanggerang. Lilis Lindawati, 35, verheiratet, schwanger, wartet auf den Bus. Fünf Sittenwächter packen sie. Nach einer Gefängnisnacht wird sie zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. Sie stand mit Lippenstift an der Straße, im Dunkeln - das beweise, dass sie eine Hure sei.

Insel Sulawesi, Distrikt Bulukumba. Muslimische Beamtinnen dürfen nur noch mit Kopftuch arbeiten.

Provinz Aceh, Ortschaft Samadua. Vor der Kasih-Putih-Moschee verprügelt ein Mann in roter Kutte mit seinem Rattanstock einen 35-jährigen Lehrer. Die Menge klatscht. Dann bekommt eine 23-Jährige Hiebe. "Sie wurden von der Scharia-Polizei an einem Kiosk bei einem intimen Akt gefasst", sagt Marnu Labsyar, Chef der lokalen Scharia-Behörde.

Indonesien, knapp 90 Prozent der 240 Millionen Einwohner sind Muslime. Gestern war das Land eine moderat-islamische Muster-Demokratie; der Islam war so wichtig oder unwichtig wie das Christentum in Deutschland. Doch nun formen konservative Kräfte eine neue Gesellschaft. "Indonesien ist nur noch einen Schritt entfernt vom Islamstaat", sagt Ahmad Suaedy, Direktor des Wahid-Instituts, das pluralen Islam propagiert und es zunehmend schwer hat.
Vor gerade einmal zwei Jahren hatten freie Wahlen einen Wechsel von der Militär- zu einer Volksherrschaft zementiert. Die präsidialen Direktkandidaten der islamischen Parteien scheiterten kläglich - und doch prescht die Islamisierung vorwärts. Der "Rat der islamischen Gelehrten" erließ elf Fatwas, die unter anderem "pluralistische, liberale und säkulare Islaminterpretationen" verbieten. Interreligiöse Hochzeiten soll es nicht mehr geben. Auf Lombok und in der javanischen Stadt Bogor gingen Häuser in Flammen auf - Extremisten vertrieben Anhänger der Islam-Sekte Jamaah Ahmadiyah, da deren Mitglieder nicht glauben, dass Mohammad der letzte Prophet war. Die Polizei griff nicht ein, die Verwaltung von Bogor verbannte Ahmadiyah aus der Stadt. Zudem sind vielerorts Dekrete und sogenannte "Bylaws" in Mode, die einen konservativen Islam formalisieren: 22 Kommunen haben Regeln festgelegt, die auf islamischem Recht basieren. In einer Provinz, in Aceh, gilt die Scharia flächendeckend. Sittenwächter spionieren, religiöse Gerichte sind etabliert, seit einem Jahr wird die Prügelstrafe vollstreckt.

Dienstagmittag in Jakarta, Hidayat Nur Wahid erscheint pünktlich zum vereinbarten Treffen. "Disziplin ist wichtig", sagt der Mann mit dem Spitzbart. Hidayat ist Vorsitzender der Nationalversammlung und Star der konservativ-islamischen Wohlstands- und Rechtspartei, der PKS. Er will die Verfassung ändern und Konzepte der "Medina Charta" aufnehmen. "Sie wurde vom Propheten Mohammad geschrieben, ist modern, garantiert gleiches Recht für alle Bürger und schützt Minderheiten." Hidayat verschweigt, dass die Charta nur zwei Kategorien von Menschen schätzt: Moslems und ihre Gefolgschaft.

Hidayats populistische PKS, laut westlichen Diplomaten aus Saudi-Arabien finanziert, wächst und wächst. Die Führung wirbt mit den Werten Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, kämpft gegen Korruption, Prostitution und Drogen, und verspricht Recht und Ordnung. So wurde die Partei zur stärksten Kraft in Jakarta. Seither gewann sie nach eigenen Angaben landesweit fast zwei Drittel der 70 Kommunalwahlen, an denen sie teilnahm. 2009 will sie die Parlamentswahl gewinnen; Hidayat, der ein Islam-Internat besuchte und Islamwissenschaften in Saudi-Arabien studierte, wird als Präsidentschaftskandidat gehandelt.

"Die PKS verschweigt ihre langfristige Agenda. Ziel ist, nach Machtübernahme die Demokratie zu zerstören, die wir so mühsam errichtet haben", fürchtet ein Regierungsbeamter.

Indonesien 2006. Nur noch 60 Prozent der Muslime wollen den Säkularstaat beibehalten. Bis 1998 hatte das Zentralregime von Quasi-Diktator Suharto keine Konkurrenz geduldet, Fundamentalisten verfolgt, Religionseifer erstickt. Heute, nach Demokratisierung und Dezentralisierung, ist die individuelle und regionalpolitische Freiheit groß. Sogar Verfassungsfeindschaft kann offen praktiziert werden.
Der Prediger Abu Bakar Baashir etwa tingelt mit einem Koffer voller eindeutiger Parolen durchs Land. "Demokratie ist unislamisch und muss durch Allahkratie ersetzt werden." Sein legaler "Rat der Gotteskämpfer Indonesiens" will den "puren Islamstaat". Baashirs Islaminternat - ein Dutzend Schüler wurde zu Terroristen - bleibt unbehelligt. Dem Fundamentalisten gefällt, dass Lokalpolitiker mit den Scharia-Regularien Kompetenzen testen. Auf der Insel Sulawesi führte der Ältestenrat des Dorfes Padang die Prügelstrafe ein und ließ sie sofort drei Mal vollstrecken. Mit Duldung von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht.

"Formal sind solche Scharia-Regularien nicht angemessen", sagt Verfassungsgerichts-Präsident Jimly Asshiddiquie. Er sei allerdings nicht zuständig; Exekutive oder Legislative könnten in derlei Fällen ja prüfen. In Jakarta schrieben einige Parlamentarier, Präsident Susilo Bambang Yudhoyono müsse aufgefordert werden, "die Lokalgesetze, die gegen die Verfassung verstoßen, für nichtig zu erklären". Doch nur 56 der 550 Abgeordneten unterzeichneten den Aufruf, er blieb im Parlament stecken.
Präsident Yudhoyono, eigentlich ein Säkularer, hält still. Er fordert Toleranz, tut aber nichts, wenn sie ausbleibt. Radikale zertrümmern Bars, ein Kinofilm mit Kuss-Szene fliegt aus dem Programm, ein Journalist steht wegen Nachdrucks der dänischen Mohammad-Karikaturen vor Gericht. Der Präsident schweigt.

Yudhoyono braucht im Parlament die Hilfe von Islamparteien. Kaum zufällig ließ er verlauten, er wolle keine Frauen mehr im Fernsehen sehen, deren Kleidung ihren Bauchnabel unverhüllt lässt. Als später eine Sängerin in solchem Aufzug im Präsidentenpalast auftreten wollte, grollte der Präsident und schickte sie nach Hause. In Ungnade fiel auch Nadine Chandrawinata, die Miss Indonesia, die sich im Bikini fotografieren ließ. "Was habe ich falsch gemacht?", fragt sie. Zwei Stunden vor einem Galaabend sitzt sie vor einem Spiegel. Nach dem Bikini-Auftritt wurde sie von einer militanten Islamgruppe wegen "Unanständigkeit" angezeigt. "Ich habe mir einen Anwalt genommen", sagt sie leise, sie wartet auf die Vorladung der Polizei.

Die Beamten lassen sich auf den Trend im Land ein. Als die Redaktion der indonesischen "Playboy"-Ausgabe zertrümmert wurde, folgte die Polizei der Forderung des Schlägertrupps und eröffnete Ermittlungs-Verfahren gegen den Chefredakteur und Fotomodelle. Vorwurf: "Unanständigkeit". Obwohl Indonesiens "Playboy" keine nackten Frauen zeigt.
Die Gewalt und die Polizei-Ermittlung zeigten Wirkung, alle Anzeigenkunden der Zeitschrift zogen sich zurück, Buchhandlungen verkaufen das Magazin nicht. Was genau "unanständig" meint, ist bislang noch unklar. Ein Gesetz gegen "Pornografie und Pornoaktion", das derzeit in einer Parlamentskommission beraten wird, soll verbindliche Regeln festlegen. Laut dem 42-seitigen Entwurf müssen "moralische Normen der Gesellschaft" gewahrt werden. Vor allem die Pornoaktion-Paragrafen gehen sehr weit in diesem Bestreben. Ein öffentlicher Kuss soll mit bis zu fünf, erotischer Tanz mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft werden. Dem Zeigen "bestimmter sinnlicher Körperteile" können zehn Jahre Haft folgen.

Wenn, wie im Fall der "Playboy"-Redaktion, aus religiösen Gründen randaliert wird, steckt die FPI dahinter, die "Islamische Verteidigungsfront". Die Militanten haben in West-Jakarta ein Büro. An den Wänden hängen Fotos von Taliban-Kämpfern und ein großes von Osama bin Laden. "Er ist Ikone des Widerstands", sagt FPI-Sekretär Saleh Mahmud. Der junge Mann trägt grünes Stickhemd, weite Hose, helle Gebetskappe. "Wir sind Kontrollinstanz, schützen den Islam und handeln, wenn andere schlafen." Auch er will die Verfassung ändern. Beim Entwurf wurden 1945 in letzter Minute sieben Wörter gestrichen: "Verpflichtung für Moslems, der Scharia zu folgen." Die FPI will den Passus wieder einsetzen. "Ob wir uns dann Islamische Republik Indonesien nennen oder nicht, ist egal. Hauptsache, islamische Regeln und Werte werden Gesetz."
Saleh lobt gute Zeichen, den Boom schariakonformer Finanzgeschäfte etwa. Die deutsche Allianz macht mit, sie bietet seit Jahresbeginn in Indonesien Versicherungen an, die islamischem Recht entsprechen. Versicherungsbeiträge landen in einem Fonds, der keine Aktien von Unternehmen kauft, die mit Alkohol, Schweinefleisch oder Glücksspiel verdienen. "Ziel ist, dass in fünf Jahren zehn Prozent unseres Indonesien-Geschäfts auf der Scharia basieren", sagt Manager Jens Reisch.

"Arabisierung ist neue Realität in unserem Land", sagt Ayu Utami, Indonesiens bekannteste Schriftstellerin. Sie trägt enge Jeans, ein Spaghettiträger-Top mit tiefem Ausschnitt. Ende der 90er Jahre schrieb sie über Sex, ein Tabu. Sie will sich weiter anziehen, wie es ihr passt, und schreiben, was ihr in den Sinn kommt. "Wir müssen gegen Islamisierung kämpfen, besonders gegen das geplante Porno- Gesetz", sagt sie. Sollte es verabschiedet werden, warnen Intellektuelle, sei Indonesien verwandelt. "Der Gesetzentwurf ist ein dreister Versuch engstirniger, kulturell dummer Ideologen, der indonesischen Gesellschaft einen fremden Lebensstil aufzuerlegen", schreibt der Philosoph Franz Magnis-Suseno. Auf Java - Islam hin oder her - tragen Frauen traditionell schulterfrei. Wie auf der hinduistischen Insel Bali, dort droht man wegen des Anti-Porno-Entwurfs mit Abspaltung.
Solch drastische Drohungen helfen Indonesiens islamischer Mitte: Die Moderaten wollen die Islamisierung stoppen, fürchten aber, dabei unislamisch zu erscheinen. Nun aber setzt als erste Islam- Organisation der Mitte die 35 Millionen Mitglieder starke "Nahdlatul Ulama", die NU, auf Nationalismus. Beim jüngsten Kongress demonstrierte die Parteiführung Verfassungstreue und die Bindung an "Pancasila" - Indonesiens einheitsstaatliche, pluralistische Staatsideologie. Sie beinhaltet Glauben an Gott, ohne eine Religion vorzugeben. "Sollte die NU sich zwischen Islamstaat und Pancasila entscheiden müssen, wird sie Pancasila wählen", erklärte der NU-Vorstand im Juli. Damit starteten moderate Moslems ein öffentliches Tauziehen um das Land.

Die konservativen Muslime halten dagegen. Im September führte Acehs Wahlkommission eine Kandidaten-Prüfung ein: Bei bevorstehenden Gouverneurs- und Kommunalwahlen darf nur antreten, wer den Koran rezitieren kann.

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09. September 2006 (N24.de, Netzeitung)
Heftiges Beben vor Indonesien
Vor der indonesischen Küste ist es am Samstag zu einem Erdbeben der Stärke 6,2 gekommen. Das teilte die US-Erdbebenwarte mit.
Das Epizentrum lag demnach in der Flores-See, rund 200 Kilometer nordöstlich der Insel Sumbawa. Berichte über mögliche Opfer oder Sachschäden lagen zunächst nicht vor. Eine Tsunami-Warnung wurde nicht ausgegeben.
Bewohner der Inseln Bali und Flores telefonierten mit dem Radiosender El-Shinta und sagten, sie hätten die Erschütterungen gespürt. Allerdings seien ihnen keine Schäden aufgefallen.
In Indonesien ereignen sich häufig Erdbeben. Im Dezember 2004 löste ein Beben der Stärke 9,1 vor der Insel Sumatra einen Tsunami aus, dem insgesamt rund 216.000 Menschen zum Opfer fielen, darunter allein mehr als 131.000 in der indonesischen Provinz Aceh.

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Weltmeister der Regenwaldzerstörung (taz vom 25. August 2006, AUS VICTORIA, Jens Wieting)
Brandrodung und Abholzung auf Sumatra erreichen Rekordniveau. Profiteure sind Papierkonzerne, die ihre Rohstoffe aus dem Kahlschlag beziehen. Unterstützt wird die Zerstörung mit Krediten, Bürgschaften und Abnehmern aus Deutschland

Dicke Luft auf der indonesischen Insel Sumatra: Brandrodungen zerstören große Flächen des dortigen Regenwaldes. Die Rauchschwaden aus Sumatra reichen bis nach Singapur, Thailand und Malaysia. Viele Menschen tragen wegen der verschmutzten Luft Mundschutzmasken. Autofahrer schalten auch bei Tageslicht Scheinwerfer ein, und Flüge werden wegen der schlechten Sicht abgesagt; Viele dieser Brände werden aus wirtschaftlichen Interessen gelegt, um genügend Platz für Plantagen der Papier- und Palmölindustrie zu schaffen - und geraten dann nicht selten außer Kontrolle.
Allein im Juli wüteten in der Provinz Riau auf Sumatra 1.419 Waldbrände, berichtet die indonesische   Umweltorganisatioh „Eyes of the forest". „Einmal entfacht, sind die Brände oft kaum noch zu stoppen", so ein Sprecher der Umweltorganisation Jikalahari. Indonesien verliert durch Brände und Abholzung jedes Jahr 3,5 Millionen Hektar seines Regenwaldes - das ist Weltrekord. Zu den großen Profiteuren der Brandrodung zählen die Papier- und Zellstoffkonzerne APP und APRIL. Sie beziehen 70 Prozent ihres Rohstoffs aus dem Kahlschlag des Regenwaldes. Beide Konzerne sagen ihren Kunden zwar seit Jahren zu, dass sie ihren Bedarf schon in naher Zukunft gänzlich aus Akazien-Plantagen decken würden. Doch die bisher angelegten Plantagen produzieren nicht so viel Holz wie versprochen.

Nach Angaben des WWF schreitet die Entwaldung in Riau am schnellsten voran. Dort hatten alleine APP und APRIL im Jahr 2005 zusammen etwa 460 Hektar Regenwald täglich vernichtet. Die Provinz hat etwa die Größe Österreichs und innerhalb der letzten 20 Jahre mehr als die Hälfte ihrer Waldfläche verloren. Auch Deutschland ist an dieser Entwicklung beteiligt.

So haben etwa die Deutsche Bank, die Dresdner Bank, die Hypovereinsbank und die Commerzbank die Finanzierung von APP unterstützt. Auch die Bundesregierung förderte APP mit Hermes-Bürgschaften in Höhe von 350 Millionen Euro für Geschäfte mit deutschen Partnern. Papierprodukte von APP und APRIL sind im deutschen Handel zu finden. Nach Protesten von Robin Wood haben Karstadt, die Metro-Gruppe und die Deutsche Post Produkte von APP und APRIL bereits aus dem Sortiment genommen. Die Hamburger Papier-Union bezieht dagegen Papier bei APRIL. „Es gibt keine Entschuldigung für Händler mit verantwortungsvoller Einkaufspolitik, bei Unternehmen einzukaufen, die schutzwürdige Wälder zu Zellstoff verarbeiten", sagt  Duncan Pollard, Direktor des globalen Waldprogramms des WWF.

Die Zerstörung des Regenwaldes geht auf Kosten von vielen Tier- und Pflanzenarten. Sumatra-Tiger und Sumatra-Elefanten sind vom Aussterben bedroht. Die Torfsumpfwälder mit ihren mehr als drei Meter tiefen Torfschichten sind stark feuergefährdet. Wenn sie in Brand geraten, werden große Mengen Kohlenstoff freigesetzt, der in den Torfböden gespeichert ist. Allein der Torfboden der Provinz Riau bindet eine Menge an Kohlenstoff, die der weltweit jährlichen Emission aus fossilen Brennstoffen entspricht. Dennoch erhielten die Papierkonzerne Konzessionen auf Torfstandorten und haben mit dem Kahlschlag begonnen.

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Dem Glauben treu (DIE KIRCHE, 20. August 2006)
Christen in Indonesien lassen sich nicht einschüchtern. Indonesien war lange eines der liberaleren muslimischen Länder. Damit ist nun Schluss: Eine neue politische Linie stärkt den orthodoxen Islam, schränkt die Rechte von Frauen ein und will das Christentum am Wachsen hindern. Doch die Pfingstkirchen in Indonesien geben nicht auf.

Eine rosafarbene Narbe zieht sich über Veras linke Wange. Ihr Knöchel ist verbunden. Langsam humpelt sie durch den Vorraum einer Kirche in Indonesiens Hauptstadt Jakarta. Trotz ihrer Verletzungen strahlt die 33jährige Frau vor Freude. „Gestern konnte ich überhaupt noch nicht laufen", gesteht sie. „Ich habe die ganze Nacht gebetet: Jesus, bitte lass mich morgen in die Kirche gehen können. Und jetzt bin ich hier!"

Vera hatte vor einigen Tagen einen Motorradunfall. Doch diese Verletzungen sind nicht die schlimmsten, die die junge Frau bisher erleben musste. Mit 19 heiratete sie einen Muslim und konvertierte vom Christentum zum Islam. Doch ihr Ehemann verwandelte sich zu einem anderen Menschen. Ohne Grund schlug er seine Frau. „Ich lebte in der Hölle und schnitt mir die Haare so weit ab, bis ich nur noch kurze Stoppeln auf dem Kopf hatte. Johannes 14,6 ging mir nicht aus dem Kopf. Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich'." Sie ließ sich scheiden und wurde wieder Christin.

Lange Zeit galt Indonesien als eines der liberalsten muslimischen Länder. Doch 2004 kam mit Vizepräsident Jusuf Kalla ein Politiker an die Macht, der eine härtere Linie verfolgt und den Islam stärken will. Seit des Jahres wird über ein „Anti-Pornografie-Gesetz" diskutiert. „Es soll andere Kulturen unter- drücken und den Islam stärken", sagt Shekina, eine Christin aus Jakarta. Laut Gesetz wäre es illegal, wenn eine Frau ein ärmelloses T-Shirt oder einen kurzen Rock trägt. Auch Küssen in der Öffentlichkeit wäre strafbar. Heftige Proteste haben das Gesetzgebungsverfahren vorerst gestoppt. Wichtige Änderungen müssten erfolgen, bevor es in Kraft treten kann, sagt die Regierung.

Doch der Islam ist weiter auf dem Vormarsch. Seit April gilt in Nord Sumatra die Scharia. In West Sumatra ist es für Mädchen Pflicht, in der Schule ein Kopftuch zu tragen - egal, welcher Religion sie angehören. Die Verantwortlichen argumentieren, das Kopftuch gehöre zur traditionellen Kleidung ihrer Volksgruppe. Lange, nämlich von 1945 bis 1990, war das Tragen von Kopftüchern in der Schule in Indonesien verboten, um die nationale Identität zu fördern und der Religionsfreiheit in der Verfassung Rechnung zu tragen.

Während der orthodoxe Islam weiter gestärkt wird, sollen andere religiöse Gruppen am Wachsen gehindert werden. So müssen christliche Gemeinden bei Neugründung eine bestimmte Anzahl an Mitgliedern in ihrem Einzugsgebiet vorweisen. „Wenn nicht genug Mitglieder da sind, gibt der Bezirk keine Zulassung. In den Behörden, die darüber entscheiden, arbeiten fast aus- schließlich Muslime", erklärt Harry aus Jakarta. Er ist Mitglied eines Missionsteams, das regelmäßig nach Sumatra fährt. „Deshalb sieht man jetzt so viele Gemeinden, die sich in Cafes treffen. Ständig müssen sie den Ort wechseln."

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Indonesien entdeckt die Erdwärme
23.8.2006 taz Wirtschaft und Umwelt 94 Zeilen, NICOLA GLASS S. 7
Das viertgrößte Land der Welt will verstärkt Energien aus Geothermie nutzen.
Ein AKW soll aber auch gebaut werden


BANGKOK taz  Indonesien will sich unabhängiger von fossilen Brennstoffen machen. Um seinen wachsenden Energiebedarf künftig decken zu können, hat die Regierung entschieden, jetzt ein Geothermie-Kraftwerk zu bauen - und zwar das weltweit größte. Auf Nordsumatra soll die Anlage gebaut werden - mit einer Leistung von rund 340 Mega-Watt. Zum Vergleich: Das durch den Atomkonsens zur Disposition stehende AKW Biblis B hat eine Nettoleistung von 240 Megawatt.

Nachdem Indonesiens Energieminister Purnomo Yusgiantoro letztes Jahr den Bau bereits auf dem Geothermischen Weltkongress im türkischen Antalya angekündigt hatte, rollen jetzt die Bagger. Umgerechnet 470 Millionen Euro wird ein Firmenkonsortium umsetzen, in dem Indonesiens größtes privates Erdölunternehmen PT Medco Energi Internasional mit dem japanischen Handelshaus Itochu und die US-Firma Ormat Technologies Inc. kooperiert. Der
durch das Kraftwerk erzeugte Strom soll in das Netz von Nordsumatra und der vom einstigen Bürgerkrieg und dem verheerenden Tsunami Ende Dezember 2004 schwer verwüsteten Provinz Aceh eingespeist werden. Die komplette Anlage soll bis 2009 fertiggestellt sein.

Erdwärme gilt neben dem Wasserstoff als eine der wichtigsten Alternativen in der Energieversorgung, da sie nahezu unerschöpflich ist. Zwar verursachen Geothermie-Anlagen keine Umweltschäden, wie sie durch das Verbrennen
fossiler Energien entstehen. Doch Folgen für die Natur sind trotzdem nicht ganz von der Hand zu weisen: Zum Beispiel, wenn der in den geothermischen Kraftwerken zu Wasser kondensierte Dampf nicht gereinigt und anschließend in Flüsse geleitet wird.

Auf die zunehmende Nutzung von Erdwärme setzt in Südostasien nicht nur Indonesien: Auch die Philippinen treiben den Ausbau neuer Geothermie-Kraftwerke voran. In den kommenden vier Jahren sollen dort bis zu 700 Megawatt in Betrieb genommen werden, erklärte beispielsweise der Bund der Energieverbraucher auf seiner Internetseite.

Ganz ohne herkömmliche Energien geht es offenbar nicht: Fast zeitgleich zum Bau des neuen Geothermie-Kraftwerks plant Indonesien, ein Atomkraftwerk auf Zentraljava zu errichten. Bis zum Jahr 2011 will das Land seinen ersten Reaktor mit einer Leistung von 1.200 Megawatt in Betrieb nehmen, vermeldete die indonesische Nachrichtenagentur Antara.
Die Atomkraft trage dazu bei, das Inselreich mit seinen rund 230 Millionen Einwohnern unabhängiger von Öl und Gas zu machen, hieß es.
Aufgrund der ständigen Erdbebengefahr und potenziellen Vulkanausbrüche sehen Kritiker in dem Bau eines AKW jedoch besondere Gefahren. Erst Ende Mai starben nach einem schweren Erdbeben auf Java fast 6.000 Menschen. NICOLA GLASS

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